Junge Frau steht unter einer Brücke und schaut nach links aus dem Bild heraus

Pressemeldung: Der Bedarf bleibt konstant

Westfälischer Anzeiger Bönen, 08.03.2022, Frauenforum berichtet über die aktuelle Arbeit / 1500 Euro Spende aus Bönen.

Dienstag, 08. März 2022, Westfälischer Anzeiger Bönen / Bönen

Kerstin Luttrop und Birgit Unger weisen auf das Hilfetelefon für Frauen hin. Die Notrufnummer ist 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche besetzt. Foto:presch

Frauenforum berichtet über die aktuelle Arbeit / 1500 Euro Spende aus
Bönen

VON KIRA PRESCH

Bönen/Kreis Unna – Traditionell findet zum internationalen Frauentag am 8. März eine große Veranstaltung in Bönen statt, aus deren Einnahmen eine Spende für das Frauenforum Kreis Unna generiert wird. „Aber wegen der Pandemie mussten wir das auch in diesem Jahr zum dritten Mal in Folge absagen”, bedauert Kerstin Luttrop, Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde. Dennoch konnte sie Birgit Unger, Geschäftsführerin des Frauenforums Unna, im Namen des Frauennetzwerks einen Spendenscheck in Höhe von 1500 Euro überreichen. „Wir können das Geld sehr gut gebrauchen“, dankte Birgit Unger, „denn es gibt noch viel zu tun.” Die zwei Pandemiejahre seien dabei in vielerlei Hinsicht eine besondere Herausforderung für die Mitarbeiterinnen des Frauenforums gewesen. „Wir haben erlebt, was es heißt, digital nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, und welche Auswirkungen das für unsere Arbeit hat“, berichtet Birgit Unger. „Die Landesstiftung Wohlfahrtspflege hat uns dann die Chance eröffnet, einen Förderantrag zu stellen und uns über 90.000 Euro zur Verfügung gestellt, um uns digital auf den neuesten Stand zu bringen.

Digitalisierung
Zu dem „Paket“ gehörte neben der Modernisierung von Hard- und Software auch eine Projektmanagerin, die bis April das Frauenforum auf den neuesten Stand bringt und Schulungen mit den Mitarbeiterinnen durchführt, damit sie fit für das technische Update sind. „Wichtig waren aber auch Schulungen, in denen wir gelernt haben, wie führen wir denn Beratungsgespräche mit Frauen in Notsituationen in Videoformat, die sonst Auge in Auge stattfanden”, erzählt Birgit Unger. „Wie bekomme ich trotz der Distanz eine Nähe hin
und bringe Empathie rüber? Das sind wichtige Fragen für unsere Arbeit, und da sind wir froh, dass wir bis April noch geschult werden.“
Darüber hinaus müsse das Frauenhaus fit gemacht werden für die Erfordernisse, die die Pandemie mit sich gebracht hat. „Als wir 2009 in unser Haus einzogen, habe ich noch gedacht, Wlan in den Schlafräumen unterm Dach brauchen wir nicht. Durch Homeschooling hat sich das geändert. Die Kinder, die hier untergebracht sind, müssen eine Möglichkeit haben, digital ihre Schulaufgaben zu machen. Zusätzlich arbeiten auch die Mitarbeiterinnen in der Beratungsstelle immer mehr online. Die Kosten für die Installierung und Verkabelung in Höhe von rund 1500 Euro können wir nun mit der Spende des Frauennetzwerks bestreiten.”
Auch andere Gruppen hätten weiterhin Spenden an das Frauenforum ermöglicht, obwohl viele Benefizveranstaltungen coronabedingt nicht stattfinden konnten. Dank einer zusätzlichen Richtfunkantenne und Wlan laufe das Internet nun stabil vom Erdgeschoss bis zum Dach. „In Zeiten von Corona ist die wichtigste Frage, wie bleiben wir für unsere Klientinnen erreichbar.“

Beratungsangebote
Denn die Zahl der Beratungsgespräche, Notrufe und Unterbringungen in
Frauenhäusern nimmt in der Pandemie nicht ab. „Die Nachfrage bleibt konstant“, bestätigt Birgit Unger. „In den vergangenen Jahren haben wir sowohl 2020 als auch 2021 immer um die 460 Beratungsgespräche geführt. Deutlich erkennbar ist eine Verdoppelung der Telefonberatungsgespräche, dafür hat sich die Zahl der Beratungen in Präsenz reduziert.”
Ist das Frauenhaus des Kreises Unna sonst bis zu 75 Prozent ausgelastet, sind es derzeit konstant rund 50 Prozent. „Das hat damit zu tun, dass wir weniger Plätze nutzen können und ein Quarantäne-Apartment einrichten mussten, aber auch immer wieder Betreuer fehlten”, erläutert Birgit Unger.

Druck durch Corona
Grundsätzlich sei spürbar, dass der Druck in den Familien in den vergangenen zwei Jahren wesentlich größer geworden ist und Gewalt eskaliert, weil die Familien während Corona enger zusammen hocken als sonst. Die Auswirkungen seien in Wellen spürbar. „Lag 2019 der Anteil bei etwa 28 Prozent, stieg nach dem Lockdown 2020 die Zahl der Beratungsanfragen auf 39 Prozent an, deren Hintergrund Trennung oder Scheidung ist.”

Das Frauenhaus
Bundesweit fehlen Plätze in Frauenhäusern, wo Frauen in Notfällen – etwa wenn sie bedroht werden oder Opfer von Gewalt sind – schnell Zuflucht finden. „In NRW sind wir, im Vergleich mit anderen Bundesländern, relativ gut
ausgestattet”, findet Birgit Unger. „Die Landesregierung hat zuletzt zusätzlich
55 weitere Plätze in Frauenhäusern geschaffen.” Das Frauenhaus Kreis Unna
bietet 20 Plätze, zehn für Frauen, zehn für Kinder. Die Klientel setzt sich zu je
einem Drittel aus dem Kreis, der Region und weiter entfernten Herkunftsorten zusammen. „Deshalb lässt sich schlecht pauschal sagen, ob das ausreichend ist”, so Birgit Unger.
„Brennpunkte sind die Großstädte, wo die Plätze zuletzt nicht ausreichten.
Die Gemeinde Bönen verzeichnet laut Polizeibericht keinen Anstieg im Bereich häuslicher Gewalt. Im Vergleich zu den anderen Kommunen im Kreis „liegen wir im Mittelfeld”, ergänzt Kerstin Luttrop. „Oft ist es ratsam, eine Frau, die von Gewalt bedroht ist, nicht in unmittelbarer Nähe ihres Wohnortes unterzubringen.”

Männer als Opfer
Gewalt sei aber keine geschlechtsspezifische Sache, so Luttrop. „Gewalt macht vor keinem Geschlecht Halt.” Etwa 20 Prozent der Opfer von Gewalt in der Beziehung seien tatsächlich Männer. Hier werde der Druck durch den weiblichen Partner oft subtiler, aber nicht weniger ängstigend aufgebaut. „Auch Männer sind Opfer von Gewalt, deshalb gibt es landesweit bereits die ersten Übernachtungsstätten für Männer“, bestätigt Birgit Unger. Hier müsse das Frauenforum sicher umdenken. „Was aber dringend passieren muss: Wir müssen mehr tun in Sachen Täterarbeit. Wer gewaltbereit ist, braucht ein psychologisches Angebot, um sich mit seiner Aggression auseinanderzusetzen, um das abstellen zu können. Viele Frauen würden sich gar nicht trennen, wenn die Aggression aufhören würde”, weiß Birgit Unger. „Wir als Frauenberatungsstelle können Täterarbeit aber nicht leisten. Da gibt es noch viel zu tun.”

Spende
Das Frauennetzwerk will eine weitere Spende in Höhe von 1500 Euro an eine
Hilfsorganisation geben, die Hilfen für die Menschen in der Ukraine bringt.
Wahrscheinlich wird das Geld an Unicef gehen zur Unterstützung von Kindern im Kriegsgebiet.
Dienstag, 08. März 2022, Westfälischer Anzeiger Bönen /Bönen