Junge Frau steht unter einer Brücke und schaut nach links aus dem Bild heraus

Pressemeldung: Immer häufiger digitale Übergriffe in der Partnerschaft

Hellweger Anzeiger, 16.04.2022 von Thomas Raulf

Kreis Unna. Frauen werden immer häufiger Opfer digitaler Gewalt durch ihren Partner oder Ex. Hilfe gibt es unter anderem beim Frauenforum. Dessen Beratungsstelle hat Verstärkung bekommen.

Mit Dörte Humbert-Schneider hat die Frauen- und Mädchenberatungsstelle in Unna eine erfahrene neue Leiterin bekommen. Zu tun ist mehr als genug. Wenn Frauen zu Opfern werden, dann wird zunehmend auch das Internet als Waffe gegen sie gerichtet: Digitale Gewalt ist auf dem Vormarsch. Seit Dezember ist Humbert-Schneider für das Frauenforum im Kreis Unna als Beratungsstellenleiterin tätig. Die 60-jährige Diplom-Pädagogin erklärt, sie habe beruflich immer gern Menschen in Orientierungssituationen unterstützt, ihnen als Coach zur Seite gestanden. Selbstwertprobleme, das plötzliche Fehlen von Leitplanken im Leben – das ist es, was vielen Frauen begegnet, wenn sie mit häuslicher Gewalt konfrontiert sind. „Da braucht es viel Unterstützung“, sagt Humbert-Schneider.

Dörte Humbert-Schneider ist die neue Leiterin der Frauen- und Mädchenberatungsstelle für den Kreis Unna. Sie berichtet, dass es auch in Partnerschaften immer häufiger zu digitaler Gewalt kommt. FOTO:HENNES

Signal an Frauen: Sie haben keine Schuld

Schuld und Scham seien leider in vielen Fällen ausgeprägt. Beraterinnen machen häufig die Erfahrung, dass Frauen glauben, sich rechtfertigen zu müssen, warum sie zum Opfer wurden. So schämten sich viele, sich Hilfe zu suchen, und verblieben im Kreislauf von Gewalt. Das Frauenforum klärt auf unter anderem mit verschiedenen Broschüren. Neu ist ein umfangreiches Infoheft zum Thema „Stark gegen digitale Gewalt“. Nicht nur pandemiebedingt ist „Digitalisierung“ wohl eines der wichtigsten Schlagworte geworden. Der größte Teil der Erwachsenen und Jugendlichen ist mittlerweile gut ausgestattet mit internetfähigen Geräten und das Bewegen im digitalen Raum ist für viele zur selbstverständlichen Alltagsbeschäftigung geworden – sowohl im privaten wie im beruflichen Leben. Neben den vielfältigen und gewinnbringenden Möglichkeiten des sozialen Austauschs, die das Internet bietet, gerät aber auch immer mehr das Thema „digitale Gewalt“ ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Spionage über das eigene Handy

Häufig wird dabei jedoch nur an Hasskommentare gegenüber bekannten Personen oder an Cybermobbing gedacht. „Wir stellen jedoch in unserer Beratungsarbeit zunehmend fest, dass digitale Übergriffe immer häufiger im Rahmen von Partnerschaftsgewalt oder nach einer Trennung stattfinden“, sagt Dörte Humbert-Schneider. Nicht selten würden Klientinnen – im Wissen, über ihr Handy von ihrem Partner überwacht zu werden – dieses während ihres Aufenthalts in der Beratungsstelle ausschalten. „Die Beratung darf daher auch nicht zu lange dauern, da der Partner sonst misstrauisch werden könnte“, so Humbert-Schneider. Welches Ausmaß geschlechtsspezifische digitale Gewalt hat, ist bisher noch kaum erforscht. „Diese Lücke war für uns ein Anlass, uns verstärkt mit der Thematik zu befassen“, sagt Ariane Raichle, Mitarbeiterin in der Frauen- und Mädchenberatungsstelle. Daher nun die neue Broschüre. Sie ergänzt das vorhandene Infomaterial, in dem aufgeklärt wird über die Themen „Selbstbehauptung und Selbstverteidigung“ sowie „Sexueller Gewalt begegnen“. Welche digitalen Gewaltformen in Beziehungen oder im Zusammenhang mit einer Trennung häufig sind, wird darin erläutert.

Es geht immer um Macht und Kontrolle

Leserinnen bekommen auch Hinweise, wie sie sich schützen und wo sie Hilfe bekommen können. Ein wichtiger Hinweis zur Prävention ist dieser: „Sei selbstbewusst im Umgang mit Deinen technischen Geräten!“ Gestattet eine Frau ihrem Partner beispielsweise keinen Zugriff auf ihr Smartphone, hat dieser es schwerer, Spionagesoftware gegen sie einzusetzen oder ihre Kontakte auszuspähen. „In den meisten Fällen ist es so, dass im Rahmen von Partnerschaftsgewalt neben den digitalen Übergriffen noch weitere Gewaltformen, wie physische, psychische oder auch sexualisierte Gewalt zu finden sind,“ stellt Raichle fest. „Selten bleibt es bei ,nur‘ einer Gewaltform, immer aber geht es um Macht und Kontrolle“. Das mache es enorm schwer, aus so einem Gewaltkreislauf auszubrechen. Neben den vielen informativen Inhalten der Broschüre ist es den Mitarbeiterinnen der Frauen- und Mädchenberatungsstelle ein wichtiges Anliegen, ein grundsätzliches Bewusstsein für das Thema und seine enorme Reichweite zu schaffen, um Betroffenen mit dem für sie wichtigen Verständnis zu begegnen und um sie zu ermutigen, mit ihren Erfahrungen nicht alleine zu bleiben.

Infos gibt es gedruckt und digital

Die Broschüren können kostenfrei über die Frauen- und Mädchenberatungsstelle bezogen werden (Tel. 02303/82202 oder praevention@frauenforum-unna.de ). Sie sind auch online abrufbar. Auf der Internetseite www.frauenforum-unna.de gibt es zudem viele weitere Hintergrundinformationen, Tipps und Beratungsangebote.

Die Frauen- und Mädchenberatungsstelle für den Kreis Unna steht unter der Telefonnummer (02303) 82202 zur Verfügung, außerdem per E-Mail: frauenberatungsstelle@frauenforum-unna.de.

Wer Opfer häuslicher oder anderer Gewalt wird, kann sich direkt an die Polizei wenden: Notruf 110.

Rund um die Uhr erreichbar ist auch ein „Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen “: 08000 116 016

Sie wollen aufklären, Frauen helfen und ihnen Mut machen, unter anderem mit neuen Broschüren: Birgit Unger (Geschäftsführerin Frauenforum, v. l.), Ariane Raichle und Dörte Humbert-Schneider (beide Frauen- und Mädchenberatungsstelle). FOTO:HENNES