Junge Frau steht unter einer Brücke und schaut nach links aus dem Bild heraus

Über 400 Fälle häuslicher Gewalt, digitale Straftaten nehmen zu

Freitag, 11.03.2022, Hellweger Anzeiger, von Dagmar Hornung


Über 400 Mal hatte es die Polizei im Kreis Unna im vergangenen Jahr mit häuslicher Gewalt zu tun.

Kreis Unna. Die Kreispolizei und das Frauenforum führen ihre Kooperation zum Gewaltschutz fort. Nicht nur in akuten Fällen, sondern ebenso zur Prävention weiterer Straftaten – auch im Digitalen.

Häusliche Gewalt ist nicht gleichbedeutend mit körperlicher Gewalt. Beleidigungen, Erniedrigung oder sexuelle Nötigung. All das sind Straftaten, in denen die Polizei einschreiten kann. Dass die Zahlen für den Kreis Unna zuletzt stabil blieben und mit Corona nicht noch weiter gestiegen sind, ist auch schon die einzige gute Nachricht in dieser Sache.

Jeder Fall ist nach wie vor ein Fall zu viel. Da waren sich die Mitarbeiterinnen des Frauenforums, Vertreter der Polizei und Landrat Mario Löhr im Gespräch über die aktuelle Entwicklung am vergangenen Freitag einig. Mit der Frauen- und Mädchenberatungsstelle des Frauenforums hat die Polizei im Kreis Unna Ansprechpartner und Anlaufstelle für akute Fälle häuslicher Gewalt und auch für Fälle, in denen die Polizei präventiv vermittelt. Diese Kooperation für Gewaltschutz und Prävention bleibt erfolgreich und ist jetzt verlängert worden.

453 Fälle häuslicher Gewalt im Jahr 2021

Insgesamt zählte die Polizei für den Kreis Unna 453 Fälle häuslicher Gewalt im Jahr 2021. Im Jahr 2020 waren es 458. Nicht jedes Mal handelt es sich um Gewalt von Männern gegen Frauen, auch Kinder zählen zu den Opfern. Und in selteneren Fällen sind es Männer, wie der Leiter der Direktion Kriminalität Christoph Strickmann erklärte. Wohl gemerkt: Zählen kann die Polizei nur bekannte Fälle, die Dunkelziffer ist wohl wesentlich größer.

Im zweiten Corona-Jahr hat die Kreispolizeibehörde die Beratungsstelle des Frauenforums in 57 von 85 Fällen häuslicher Gewalt informiert. „Zusätzlich haben wir die Beratungsstelle mit Einverständnis der betroffenen Frauen in weiteren 79 Fällen per Fax informiert,“ berichtet Tanja Weber, die Opferschutzbeauftragte der Polizei. Letzteres sind Fälle, bei denen Frauen nicht akut gefährdet waren und geschützt werden mussten, Beratung aber präventiv sinnvoll erschien. „Dabei kann es sich um Bedrohungen, Erpressungen, Stalking oder auch Straftaten auf digitaler Ebene handeln“, erklärt Tanja Weber.

Gerade Straftaten im Netz oder die Androhung solcher hätten in den vergangenen Jahren zugenommen. Etwa wenn in einer Partnerschaft intime Bilder oder Videos entstanden sind, der Mann nach einer Trennung droht, diese im Internet zu veröffentlichen oder Bekannten zu schicken.

Kommt es zu einem akuten Fall häuslicher Gewalt, gemeldet etwa durch das Opfer selbst, Nachbarn, oder Kinder, wird der Aggressor der Wohnung verwiesen. Nicht selten endeten derartige Vorfälle mit einer Nacht in der Zelle, weiß Christoph Strickmann. Bis zu zehn Tage kann die Polizei jemanden, einem vor 20 Jahren in Kraft getretenen Gewaltschutzgesetz zur Folge, der Wohnung verweisen.

In machen Fällen sei es aber sinnvoller, das Opfer aus der Situation zu holen. Die Frau an Freunde oder in einen Schutzraum zu vermitteln. Etwa dann, wenn sich noch weitere Familienmitglieder vor Ort befinden, von denen ebenfalls körperliche oder psychische Gewalt ausgehen könnte.

Egal, wie die Situation gelöst wird: Am Folgetag geht ein Fax an die Beratungsstelle, mit dem die weiteren Hilfsmaßnahmen in die Wege geleitet werden.

Die Leiterin des Frauenforums, Birgit Unger, und auch ihre Kolleginnen von der Beratungsstelle sind immer wieder fassungslos darüber, wie viele Frauen Gewalt jahrelang hinnehmen – oder als solche gar nicht wahrnehmen. Helfen würde da etwa Aufklärungsarbeit an den Schulen. Sie trage dazu bei, dass Jugendliche ihre Geschlechterrollenbilder und die Wahrnehmung von Gewalt reflektieren.